Achtsamkeit nach der Abidharmatradition
Christof Spitz beginnt seinen Vortrag damit Achtsamkeit im ursprünglichen buddhistischen Kontext zu positionieren, als Teil des Pfades zur Überwindung von Leid und Erlangung von Glück. Nāgārjunas Ratnāvāli zitierend, stellt er den anfangslosen Kreislauf zwischen dukkha (leidhaft erfahrene Lebenswelt), kleśa (verblendete Bewusstseinsmuster) und karma (Aktivität) vor, in dessen Mitte die Unwissenheit bezüglich der wahren Beschaffenheit des “Ich” steht. Er legt dar, wie mit Hilfe der Meditation (Gewöhnung) unsere Gewohnheitsmuster und schließlich dieser Kreislauf durchbrochen werden können.
Nachdem er so den Kontext gesetzt hat, geht er tief in die Begriffsklärung, besonders gestützt auf die Tibetische Sprache. So zeigt er mit Hilfe der Tibetischen Übersetzung, dass das Sanskritwort “sati” in dem Begriff “satipatthana” eher für eine kombinierte Achtsamkeitsübung steht und nicht für den Bewusstseinsfaktor “sati” allein, wie er im Abidharma definiert ist. Achtsamkeit als Bewusstseinsfaktor und als Praxis sind also unterschiedliche Dinge.
Christof Spitz schlägt vor “sati” als Bewusstseinsfaktor mit “Vergegenwärtigung” zu übersetzen. Dies belegt er dann, nach einer kurzen Einführung in die Phänomenologie des Geistes nach dem Abidharma, anhand der Definition im Abidharma des Faktors “sati”.
Anschließend zeigt er die Eigenschaften der Faktoren des Geistes, die in der Achtsamkeitspraxis eine Rolle spielen, namentlich “Vergegenwärtigung” und “wachsames Beobachten”. Vergegegenwärtigung ist ein mentaler Faktor der von drei Besonderheiten gekennzeichnet ist: Er vergegenwärtigt (Objekt), vergisst nicht (Ausprägung) und wirkt Ablenkung entgegen (Wirkungsweise). Die wachsame Beobachtung ist die wache und prüfende Selbstbeobachtung, sie entspricht einem aufmerksamen Wächter.
Christof vergleicht diese traditionelle Sichtweise auf die Achtsamkeit mit modernen Definitionen und stellt fest, dass heutzutage das nicht-bewerten eine große Rolle spielt, sich aber in klassischen Definitionen nicht findet. Im Gegenteil, lege beispielsweise Shantideva besonderes Gewicht auf die ethische Komponente.
Man könne zwar nicht behaupten, dass das nicht-bewertende Betrachten im Buddhismus keinen Platz hätte, aber es würde deutlich, dass ein achtsamer Geist nicht auch zwangsläufig frei von Bewertung sein müsse.
Christof schließt mit der Nennung einer weiteren Form der Achtsamkeit; das eigene Denken und Handeln in Selbstverantwortung heilsam zu nutzen.