Matthieu Ricard gab zu bedenken, dass er den Ausführungen seiner Vorredner in Sachen Neuronalmedizin wenig hinzuzufügen habe, so dass er sich darauf beschränke, die Ansichten und Lehren seiner Meister in dieser Sache zu spiegeln. Er nahm also eindeutig einen traditionell buddhistischen Standpunkt ein und kommentierte so die naturwissenschaftlichen Aussagen seiner Vorredner.
Man könne die Ergebnisse der neuronalen Forschung besser einordnen, bzw. deren Bedeutung besser verstehen, wenn man sie aus der Perspektive der Achtsamkeit betrachte.
Ricard hob die in buddhistischer wie neurowissenschaftlicher Hinsicht parallele Betrachtungsweise hervor, dass zwei Emotionen wie beispielsweise Güte und Hass nicht zur gleichen Zeit erscheinen könnten. Zwar wäre das Potenzial zu dem einen oder anderen vorhanden, doch könne immer nur eine von beiden die Oberhand gewinnen. Oberflächlich betrachtet sei es möglich, solche Gefühle zu benennen und somit auch aufzufinden. Allerdings würde diese Betrachtungsweise bei genauerer Betrachtung und immer genauerer Betrachtung immer schwieriger werden, da man diese Objekte der Benennung, die Emotionen also, nicht mehr auffinden könne. Wie, fragte Ricard, verändern sich dadurch die Bedeutungen der Untersuchungen zu den neurologischen Korrelaten dieser Objekte, die sich aber der Benennung – die sich einem Erfassen insgesammt entziehen müssen.
Ist der Geist identisch mit dem Objekt der neurologischen Untersuchungen, dem Gehirn? Ricard sieht keinen unüberbrückbaren Graben zwischen den Vertretern des reinen Materialismus und denen, die Geist aus der Perspektive der ersten Person erforschen. Auch die Vorstellung, der Geist sei identisch mit dem Gehirn, sei, so Ricard, eine Form des Glaubens.
Ricard nannte die Erfahrung des reinen Gewahrseins, das nicht mehr gestört wird durch Vergangenes oder Gedanken an die Zukunft, das durch nichts abgelenkt auf die Phänomene der Welt schaut ohne Wertung, eine Primäterfahrung. Auch dies sei, so Ricard, eine Weltsicht die ebenso wertvoll und korrekt sei, wie jene welche das Gehirn selbst zum Objekt der Untersuchung mache. Ein auf Erfahrung beruhender Forschungsbereich der Ersten-Person-Perspektive, der ebenso ernst zu nehmen sei, der eben solche Berechtigung habe und der ebenso in der Lage sei, zu gültigen Schlussfolgerungen zu gelangen wie die Erkenntnisse der Dritten-Person-Perspektive.
Weiterhin betonte Ricard die Ähnlichkeit in der Herangehensweise der tibetischen Tradition und der wissenschaftlichen Tradition des Westens. Die Grundlagen seien bei beiden die genaue Beobachtung der Wirklichkeit und das sorgfältige Training der Aufmerksamkeit.
Schließlich erklärte Ricard die Beziehungen zwischen Achtsamkeit und Mitgefühl, das Entstehen und die Wirkung der Geistesgifte im Kontinuum des Geistes aus buddhistischer Sicht sowie die Möglichkeiten Gegenmittel gegen die Leidenschaften, die Kleshas anzuwenden. Er betonte die Bedeutung der Setzung von positiven Tendenzen im Leben, der Etablierung positiver Gedanken in dem Sinne, das man das Gute tun, Schaden aber vermeiden solle.
Er besprach die Mechanismen der Verblendung und den Zustand der direkten Erkenntnis, des Gewahrseins der reinen Geistes, frei von Gedanken. Aus dieser Position, mit solch einer Achtsamkeit, solch einem Gewahrsein und solch einer Kenntnis des Geistes würden schon die Anfänge der Leidenschaften sofort befreit werden können, als würde man den Namen Alan (schaute zu Alan Wallace) mit einen Stock ins Wasser schreiben.