Prof. Dr. Josef Keuffer – Zur Anwendung und Erforschung des Achtsamkeitskonzepts in pädagogischen Kontexten

Professor Dr. Keuffer leitet mit der Frage ein, wie Achtsamkeit und Pädagogik zusammen passen? Achtsamkeit sei in der Pädagogik in den letzten Jahrzehnten kein Begriff gewesen. Erst in jüngster Zeit gäbe es Bücher zu Themen, wie “Achtsamkeit in der Schule”. Wie Vera Kaltwasser dargestellt hätte, gäbe es entsprechende Versuche nun auch schon in der Praxis, aber in ihrem Vortrag wären die vielen Schwierigkeiten, auf welche sie in ihrer Praxis oft gestoߟen sei, unerwähnt geblieben. Er richtete dann aber dennoch vielen Dank an Frau Kaltwasser, denn diese Bemühungen würden zukünftigen Lehrergenarationen das Leben erleichtern.

Er stellte dann mehrere Thesen auf, beispielsweise, Lehrkräfte müssten die Achtsamkeits-Methoden zunächst selbst erlernen bevor sie es versuchen an ihre Schüler weiterzugeben. Achtsamkeitspraxis setze keine Religion voraus und könne keiner Glaubensrichtung zugerechnet werden.

Laut Jon Kabat-Zinn sei, solange jemand atme, mit ihm mehr in Ordnung als nicht in Ordnung. In der Schule würden wir dieses aber nicht vermitteln, sondern Druck und Stress.
Man könne eine Arbeitsdefinition für den schulischen Umgang etwa so aufstellen: “Wir beobachten den Geist und den Körper und führen den Körper immer wieder in den aktuellen Moment zurück.”
Alan Wallace beschreibt in seiner Achtsamkeits Revolution vielfältige Techniken, von denen wir allerdings nur die einfachsten realistisch gesehen in die staatlichen Schulen bringen könnten.
Was ist mit Nebenwirkungen, was steht auf dem Beipackzettel? Das müsse noch genau untersucht werden. Es könne passieren, dass bei falscher Atmung hyperventiliert wird, und wäre man als Lehrer dann darauf vorbereitet einen hyperventilierenden Schüler im Klassenraum zu haben?

Da wir die Errungenschaft der Trennung von Religion und Staat hätten, müsse in den Hochschulen Weltanschauungsfreiheit herrschen, denn es wäre verheerend, wenn wir Absolutheitsansprüche in die Schule bringen wollten.

Mit der Achtsamkeitspraxis müsse man versuchen einen bewertungsfreien Raum zu schaffen, fern dem Leistungsdruck, aber es müsse viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, denn zu begründen, weshalb ein solcher bewertungsfreier Raum finanziert werden sollte, sei nicht ganz einfach.

Beim Bielefelder Projekt hätten sie viel mit Achtsamkeit in der Bildung experimentiert, allerdings im Gegensatz zu Vera Kaltwasser nicht nur mit positiven Resultaten.
Auch Achtsamkeit würde nicht zu einer perfekten Schule führen, aber sie könne dazu beitragen, dass eine Ökologie der Aufmerksamkeit entstünde. Schüler hätten Raum zu lernen, zu überdenken, sich auszutauschen, zu reflektieren. Dazu könne Achtsamkeit beitragen. Auch könne sie helfen der Zerstreuungskultur zu entkommen. Die Industrie setze alles daran, dass wir so abgelenkt seien wie es nur ginge. Die Dauerablenkung sei vorprogrammiert. Bildung sei das Gegenteil dieser Ablenkung, und Achtsamkeit das Mittel um dort heraus zu kommen.
Es sei kein Ziel von Unterricht gierige Konsumenten heran zu ziehen, sondern nach wie vor wäre das Ziel der Mündige Bürger. Wir brauchten Vordenker, wir brauchten Menschen welche diese Möglichkeit in der Schule, in der Bildung erproben und ihre Ergebnisse zusammen fassen, so dass Bausteine für die Zukunft entworfen werden könnten.
In der Pädagogik gäbe es noch keine empierisichen Daten, aber Professor Keuffer wolle an dieser Stelle ein Signal aussehenden. Es gäbe in der Pädagogik in den Peer-Review-Zeitschriften keinen einzigen Aufsatz zu diesem Thema. Das wolle schon etwas heißen.
Es sei noch gar nicht erforscht, ob wir die Schüler überhaupt mit Achtsamkeitsübungen positiv beeinflussen könnten und wüssten, selbst wenn, noch gar nicht was dieses Positive überhaupt sei.

Bhikkhuni Dhammananda – Achtsamkeit als Element einer ganzheitlichen Erziehung

Bhikkuni Dhammananda beginnt mit einem Chant in Pali. Sie adressiert die 4 Gruppen (Mönche, Nonnen, männliche und weibliche Laien) von Praktizierenden. Die ganzen 13 Personen(gruppen) die vom Buddha gepriesen wurden, würde sie zwar auch gerne in ihrem Chant adressieren, aber wer den gesamten Chant hören möchte, solle bitte zu ihrem Tempel kommen.

Bhikkuni Dhammanandas Mutter hatte ebenfalls in Taiwan ihre Ordination erhalten. Sie erzählt davon, wie in Thailand die Buddhistische Nonnen-Tradition beinahe nicht vorhanden gewesen sei und erst seit ihrer eigenen Ordination 2001, habe es ein zunehmend starkes Interesse von Frauen dort gegeben, dieses Leben zu führen. Erst jetzt wäre Thailand soweit.
Der im Thailand praktizierte Buddhismus lege großen Wert auf die Achtsamkeitspraxis. Alle Tätigkeiten würden mit Achtsamkeit vollrichtet. Achtsamkeit sei der Schlüssel der Praxis, und nicht auf das Sitzen in Meditation beschränkt. Sie beschreibt, wie sie, wenn sie essen, die Nonnen ihres Klosters die Spender des Essens bedenken. Wenn sie sich kleiden, sie dies in Achtsamkeit tun. Die Nonnen hätten drei hauptsächliche “nissayas”, sie holen Essen, Lumpen (wenn niemand Roben gespendet hat) und Urin (wenn keine andere Medizin vorhanden ist).
Wenn die Nonnen Rat an Laien gäben oder Almosen empfingen, würden sie die Laien darauf hin weisen, dass sie ihnen keinerlei übernatürlichen Segen verabreichen könnten. So würden sie versuchen die Laien zu einem ursprünglicheren Verständnis des Buddhismus zurück zu führen.

Sie gibt viele kleine Beispiele in sehr schnellem Rhythmus, wie die Nonnen-Sangha ihr Leben gestaltet, von Almosen, dem Ratgeben, dem Chanten bis hin zum Bauen von Lehmhäusern, wie sie diese Aktivitäten achtsam gestalten.
Manchmal wüssten die Leute im Tempel angekommen gar nicht mehr wo genau vor dem Tempel sie ihre Schuhe abgestellt haben. Das sei ein Zeichen der mangelnden Achtsamkeit.

Buddhismus sei eine gut ausbalancierte Religion und die Lehren müssten im Alltag angewandt werden.

Als Abschluss ihres, von kleinen Anekdoten gespickten, Vortrags, zeigt Bhikkuni Dhammananda Photos aus ihrer Heimat, von ihrem Kloster, von all den Tätigkeiten, die sie in ihrem Vortrag beschrieben hat, damit auch wir Westler uns ihre Welt vor- und eine Verbindung zu ihr herstellen können.

Nicholas Van Dam – Progress and Pitfalls in Mindfulness Research

Herr Van Dam kündigt einleitend an, dieser Vortrag wäre weniger aus der buddhistischen Sichtweise gehalten, als vermutlich die Mehrzahl der restlichen des Kongresses. Nicht zuletzt nähme er auch eine Gegenposition zum Vortrag von Prof. Rupert Gethin ein, da er MBSR – MBCT durchaus positiv und chancenreich sähe.
Anhand von Diagrammen zeigt er, dass das Funding für Meditations-, Achtsamkeits und Yoga-bezogene Studien um das 4- bis 5-fache gestiegen ist in den letzten 10 Jahren. In allen Bereichen sei eine signifikante und bedeutsame Wirksamkeit bei Achtsamkeitsmethoden oder achtsamkeitsbasierten Behandlungen messbar, bei Depression, physischen Schmerzen, HIV, Krebs bis hin zur Multiplen Sklerose. Und die Effekte blieben, laut Van Dam auch über Jahre hinweg stabil. Man könne also schlussfolgern, dass die Methoden funktionieren.

Man müsse nun nochmal die Definitionen durchgehen und sie in einen neuen Kontext setzen, so dass sie auch von den Wissenschaftlern aufgenommen werden.

Definition von Jon-Kabat-Zinn: “Mindfulness is basically a particular way of paying attantion…”

Er erwähnte an dieser Stelle nochmal, dass (entgegen des vorherigen Vortrags von Prof. Rupert Gethin) MBSR – MBCT nicht so schlecht ist, wie es vielleicht angenommen wird, sondern sehr hilfreich sein kann.
Es gäbe in dieser medizinischen und wissenschaftlichen Gemeinschaft viele Diskussionen darüber, wie der Buddhismus selbst Dinge wie Achtsamkeit definiert, aber dennoch lehrten und propagierten sie kein Śamatha oder andere Buddhistische Inhalte.

Er erklärt die Schwierigkeit Definitionen zu finden die sowohl messbar sind, aber nicht zu sehr vereinfachen. MBSR findet seine Anwendung natürlich vor allem im medizinischen und psychotherapeutischen Kontext.

Er umreisst in seinem Vortrag wie Mindfulness Based Interventions (MBI) durchgeführt werden, und wie man versucht die Probleme zu umgehen, die man sich mit Fragebögen oder Umfragen als einzigen Indikator einhandelt.

“Was auch immer in den Achtsamkeits-Fragebögen drin steht, das ist die Definition von Achtsamkeit.”

“Achtsamkeit funktioniert – jetzt müssen wir nur noch besser darin werden herauszufinden wie…”

Im Anschluss gibt es die Frage, ob Achtsamkeit für jeden Menschen hilfreich sein könne?
Alan Wallace nimmt sich der Frage an: es wäre so wie zu fragen “ist Wissenschaft das richtige Mittel für alle Fragen?” oder sogar “…die wissenschaftliche Methode…”. Manchmal meinen Leute mit Meditation Achtsamkeit und manchmal nur eine Unterart von Achtsamkeit. Ist brauner Reis das richtige Essen für jede Person? Es ist sicherlich sehr gutes Essen! Achtsamkeit, bhavana, heißt entwickeln, kultivieren. Geduld kultivieren, Frieden kultivieren,… Wallace sagt, er sei überdrüssig ein beliebiges Hauptwort zu nehmen und zu fragen “ist das gut für jeden?” Außer Sauerstoff vielleicht. Das könnte vielleicht die eine Ausnahme sein. (Gelächter im Saal)

Dann gibt es eine Diskussion, ob es wirklich an der Achtsamkeitspraxis oder vielleicht an der Güte oder Aufmerksamkeit eines Lehrers liegt, also ob der Placeboeffekt ganz oder zumindest teilweise für die Behandlungserfolge verantwortlich sei. Nicholas Van Dam sagt, es gäbe wenige Studien zu diesem Thema und er fordert noch wesentlich mehr Untersuchungen, mit Kontrollgruppen, um genau dieser Frage fundiert auf den Grund zu gehen.

Eine Dame im Publikum fragt nach Euthanasie und Ven. Prof. Dr. Huimin Bhikshu antwortet es sei in der Tat nach dem Vinaya verboten, der Buddha selbst hätte bei vielen Gelegenheiten Sterbehilfe verboten, allerdings sollte die Diskussion darüber vielleicht wieder eröffnet werden. Zur damaligen Zeit hätte es noch keine ernsthaften medizinischen Maßnahmen gegeben, wogegen heutzutage die Medizin sehr hoch entwickelt sei.

Christof Spitz – Achtsamkeit im Kontext des Bewusstseins

Achtsamkeit nach der Abidharmatradition
Christof Spitz beginnt seinen Vortrag damit Achtsamkeit im ursprünglichen buddhistischen Kontext zu positionieren, als Teil des Pfades zur Überwindung von Leid und Erlangung von Glück. Nāgārjunas Ratnāvāli zitierend, stellt er den anfangslosen Kreislauf zwischen dukkha (leidhaft erfahrene Lebenswelt), kleśa (verblendete Bewusstseinsmuster) und karma (Aktivität) vor, in dessen Mitte die Unwissenheit bezüglich der wahren Beschaffenheit des “Ich” steht. Er legt dar, wie mit Hilfe der Meditation (Gewöhnung) unsere Gewohnheitsmuster und schließlich dieser Kreislauf durchbrochen werden können.
Nachdem er so den Kontext gesetzt hat, geht er tief in die Begriffsklärung, besonders gestützt auf die Tibetische Sprache. So zeigt er mit Hilfe der Tibetischen Übersetzung, dass das Sanskritwort “sati” in dem Begriff “satipatthana” eher für eine kombinierte Achtsamkeitsübung steht und nicht für den Bewusstseinsfaktor “sati” allein, wie er im Abidharma definiert ist. Achtsamkeit als Bewusstseinsfaktor und als Praxis sind also unterschiedliche Dinge.
Christof Spitz schlägt vor “sati” als Bewusstseinsfaktor mit “Vergegenwärtigung” zu übersetzen. Dies belegt er dann, nach einer kurzen Einführung in die Phänomenologie des Geistes nach dem Abidharma, anhand der Definition im Abidharma des Faktors “sati”.

Anschließend zeigt er die Eigenschaften der Faktoren des Geistes, die in der Achtsamkeitspraxis eine Rolle spielen, namentlich “Vergegenwärtigung” und “wachsames Beobachten”. Vergegegenwärtigung ist ein mentaler Faktor der von drei Besonderheiten gekennzeichnet ist: Er vergegenwärtigt (Objekt), vergisst nicht (Ausprägung) und wirkt Ablenkung entgegen (Wirkungsweise). Die wachsame Beobachtung ist die wache und prüfende Selbstbeobachtung, sie entspricht einem aufmerksamen Wächter.
Christof vergleicht diese traditionelle Sichtweise auf die Achtsamkeit mit modernen Definitionen und stellt fest, dass heutzutage das nicht-bewerten eine große Rolle spielt, sich aber in klassischen Definitionen nicht findet. Im Gegenteil, lege beispielsweise Shantideva besonderes Gewicht auf die ethische Komponente.

Man könne zwar nicht behaupten, dass das nicht-bewertende Betrachten im Buddhismus keinen Platz hätte, aber es würde deutlich, dass ein achtsamer Geist nicht auch zwangsläufig frei von Bewertung sein müsse.
Christof schließt mit der Nennung einer weiteren Form der Achtsamkeit; das eigene Denken und Handeln in Selbstverantwortung heilsam zu nutzen.

Prof. Rupert Gethin – Achtsamkeit, Meditation und Therapie

Rupert Gethin spricht über die Missverständnisse unter den buddhistischen Schulen bezüglich des Wortes “Achtsamkeit” und gibt das Gleichnis der Schwierigkeit ein Gefühl wie “Traurigkeit” zu beschreiben. Er erklärt wie diverse buddhistische Traditionen und Techniken zu Mindful Stress Reduction geführt haben, von den Ursprüngen des Theravada über die Entstehung des Namens Vipassanā im 20. Jahrhundert in Burma, und wie diese auch vollkommen vom Buddhismus losgelöst angewandt werden. Gethin reicht viele Textstellen und vergleicht Auszüge aus Sutras mit Auszügen von Internetseiten von MBCT-Anbietern.

Es folgt die Beschreibung wie MBSR/MBCT die Praxis der Achtsamkeit professionalisiert und verstaatlicht (hier erwähnt Gethin schelmisch, dass er als Kenner des Universitätsbetriebes letzteren Punkt nicht gut heißen könne) und Achtsamkeit ohne den buddhistischen Rahmen anbietet. Würden die breiteren buddhistischen Visionen, wie wir uns zu verhalten haben, jedoch aus der Praxis entfernt, und wie wir unsere Rolle im Leben verstehen können, entfielen Ethik und Weisheit. Damit verlören wir die Unterscheidung dessen was heilsam und was unheilsam ist.
Der Vortrag schloss mit dem Ausblick, dass auch die mythische Dimension des Buddhismus vielleicht allzu vorschnell aufgegeben würde und damit ein weiteres Werkzeug um die inneren Zusammenhänge unseres Geistes zu erforschen.

Nach einer Frage kam die Diskussion wieder auf das Problem, das Rahmenwerk des Buddhismus aus der Praxis zu entfernen. Alan Wallace brachte dann den Punkt noch einmal heraus, dass man etwas nicht von allen Glaubenssätzen befreien und es “Buddhismus ohne Glaubensgrundsätze” nennen kann, denn was man haben wird ist “Buddhismus mit neuen Glaubensgrundsätzen”.

Prof. em. Dr. Lambert Schmithausen – Neu-Betrachtung des ursprünglichen Inhalts und der Bedeutung der Vier Grundlagen der Achtsamkeit

Professor Schmidthausen betritt die Bühne mit der Ankündigung, im Vergleich zu Analayo Bikkhu, einen trockenen akademischen Vortrag halten zu werden, da dieser von heiteren Anekdoten belebt war.

Er stellt für das “vierfache Bereithalten der Achtsamkeit” die Kurzformel vor, welche in den Quelltexten verwendet wird. Diese beinhalte schon in sich, dass man dem jeweiligen Beobachtungsgegenstand kontinuierlich mit der Beobachtung folgt, namentlich Körper, Gefühlen, Denken und den Dharmas. Dem stellt er die erweiterte Kurzformel gegenüber, welche ergänzt ist um die drei Betrachtungsweisen: innen, außen, innen wie außen.

Diese drei Betrachtungsweisen oder Perspektiven nimmt Professor Schmidthausen als Kategorien mit welchen er einige Beispiele aus den Texten durchgeht. Nach manchen Kommentaren könnten im Kontext mit “innen” Eingeweide und mit “außen” die Haut gemeint sein, oder “innen” die materiellen Sinnesorgane im eigenen Körper, “außen” alle Materie die nicht zum Körper gehört und mit “innen wie außen” alle Materie des Körpers die aber nicht Sinnesorgan ist.
Ein überzeugenderes Beispiel, welches Professor Schmidthausen liefert, ist folgende Atembeobachtung. Beobachtet man den eigenen Atem ist es “innen”, beobachtet oder visualisiert man die Atmungslosigkeit eines Leichnams ist das “außen”, und visualisiert man sich selbst als diese Leiche, ist es “innen wie außen”.
Er bezieht sich auf eine ältere Publikation von Bikkhu Analayo und findet ein, heutzutage im Buddhismus ungewöhnliches Beispiel, wie sich “im Außen” sich auch auf andere praktiziere beziehen kann. So können Achtsamkeitsübungen nicht nur auf die eigenen Gefühle, den eigenen Geist beziehen, sondern auch den von anderen Praktizierenden. Vielleicht, so schließt sich Professor Schmidthausen scheinbar Bhikku Analayos Vorschlag an, ist hierunter eine indirekte Erkenntnis zu verstehen, durch das Beobachten von Verhalten, Körperhaltung, Mimik, und so weiter.

Am Ende des Vortrags gibt es eine Frage aus dem Publikum bezüglich der Unreinheit des Körpers, ob diese Wertung bei der Achtsamkeitspraxis nicht nutzlos oder gar hinderlich sei.
Professor Schmithausen antwortet, dass dieses “unrein” im Text steht, aber eher wie eine Ergänzung wirkt, und es vielleicht auch unter dem Aspekt der Praxis gesehen werden müsse, die sexuelle Begierde zu überwinden.
Frau Professor Neumaier merkt an, dass zur Zeit und am Ort der Niederschrift ein völlig anderer sozialer Kontext herrschte. Sogar das Waschen der Kleidung sei noch heute eine unreine Aufgabe weil sie mit unreinen Substanzen zu tun habe. So ließe sich vielleicht auch der Zusatz “unrein” verstehen, wenn von den Bestandteilen des menschlichen Körpers die Rede ist.

Dr. B. Alan Wallace – Was verstand der Buddha unter Achtsamkeit

Prof. Dr. Michael Zimmermann von der Universität Hamburg und Christof Spitz machen die Begrüßung, bevor Dr. B. Alan Wallace seinen Vortrag “Was der Buddha unter Achtsamkeit verstand” beginnt. Der Hörsaal ist voll. Die Anwesenden werden begrüßt, besonders die weit angereisten und natürlich die Ordinierten, deren Präsenz hervorhebt wie gut buddhistische Tradition mit Wissenschaft zusammengehen kann.
Die Zusammenarbeit zwischen dem Tibetischen Zentrum, deren herausragende Stellung in der Übermittlung der buddhistischen Lehre er heraushebt, und der Universität Hamburg, bezeichnet  er als ein Novum.
Achtsamkeit sei in Aller Munde. Die sechs Kernbereiche der Achtsamkeit, die sich in den Themenbereichen des Kongresses wieder finden, hätten sie ausgemacht. Er stellt die sechs Themenbereiche genauer vor. Besonders das Thema der Achtsamkeit und Pädagogik wurde bisher noch nicht auf einer solchen Basis diskutiert.
Nochmal ein Dank und Applaus an das Tibetische Zentrum mit seinen vielen ehrenamtlichen Helfern. Anschließend Dank an die Referenzen, denn es ist nicht gewöhnlich so viele Experten auf der Bühne sitzen haben zu können, und den einzelnen Sponsoren.
Nach einer kurzen Ansprache von Christof Spitz betritt unter tosendem Applaus Alan Wallace die Bühne.
Er geht direkt zum Ursprung und erklärt wie der Buddha selbst den Begriff Achtsamkeit erklärt hat. Alle Übersetzungen der Asiatischen Sprachen des Wortes deuten auf “erinnern” hin. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Begriff dann immer verfeinert. So brachte beispielsweise Asanga zum Nicht-Vergessen (im Bezug auf ein vertrautes Objekt) auch noch die Nicht-Ablenkung. Achtsamkeit spiele in Bezug auf die drei Zeiten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, eine Rolle. Nicht vergessen was du einmal wusstest, nicht vergessen was du gerade tust, nicht vergessen was du vor hast zu tun.
Mit Shantideva bringt er hier die Innenschau oder Introspektion ein.
Alan Wallace betreibt ein interessantes Spiel zwischen den Gelehrten der verschiedenen Jahrhunderte und lässt sie scheinbar im Dialog ihre Aussagen präzisieren und akzentuieren. Durch dieses nahtlose Zusammenspiel offenbart er den Anwesenden, wie zeitlos das Thema ist. Oft ist kaum zu merken ob der Text, den er seinem Publikum vorstellt, aus dem 7. oder 19. Jahrhundert stammt, eine Zeitangabe scheint geradezu absichtlich zu fehlen, um nur hin und wieder die Zuhörer, die von seinen Worten gebannt scheinen, mit der Nase auf diese zu stoßen.
Mit weichem Übergang schafft es Wallace dann überzublenden, welchen Stellenwert das Thema Achtsamkeit hat, wie wichtig Achtsamkeit ist für die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Bildung und so weiter. Immer öfter fließen jetzt Zitate von William James in Wallaces Vortrag, als Gegenstück zu den alten Definitionen und als Einladung zum Dialog mit diesen. Da all unser handeln vom Streben nach Glück motiviert ist, hebt Wallace die ethische Komponente der Achtsamkeit im Buddhismus hervor. Er differenziert hier zwischen zwei Arten von Glück, dem “genuine wellbeing” und “mundane wellbeing”. Letztes sei lediglich so lange vorhanden, wie der entsprechende Stimulus wirke. Das weltliche Glück komme generell von dem, was wir von der Welt bekommen, während  das echte Glück von dem komme, was wir in die Welt bringen. Er beschreibt das Gefühl als “wahrhaft glücklich zu sein” aber nicht als überschwängliches Glücksgefühl und Euphorie; er gibt das Bild eines blühenden Gartens. Ein Gärtner kann auf den ersten Blick sehen, ob es einem Garten gut geht oder nicht, ob er floriert oder degeneriert.
Er unterscheidet hier ferner in drei Arten des “genuine wellbeing”.
  • Ethik – soziales und umweltbezogenes Wohlbefinden
  • Mentales Gleichgewicht – psychologisches Wohlbefinden
  • Weisheit – spirituelles Wohlbefinden
Das ethische Wohlbefinden entsteht aus dem Kontakt mit anderen.
Im Gegensatz zur üblichen Meinung, der Mensch als “soziales Tier” könne nur im Kontakt mit einer sozialen Gruppe glücklich sein, stellt Wallace heraus wie reich die Erfahrung des Glücks des “Mentalen Gleichgewichts” sein kann. Eine tiefe Erfahrung in deren Mitte steht: du trägst alles, was du zum Glück brauchst, in dir.
Die mit “Weisheit” benannte letzte Unterteilung bezieht sich auf eine tiefgründige, direkte Wahrnehmung der Realität, die den Geist und das eigene Weltbild so stark verändern, gar unwideruflich umdrehen können.
Gegen Ende seines Vortrages legt Wallace seinen Schwerpunkt noch einmal auf die Wichtigkeit der Thematik und setzt einen achtsamen Geist mit einem nicht-wahnsinnigen gleich, und spricht anschließend sogar als Achtsamkeit von der ersten großen Revolution der Wissenschaft des Geistes, ähnlich den Entdeckungen von Galileo, Max Planck oder Einstein auf ihren jeweiligen Gebieten. Die Geisteszustände großer Meditierende sowie auch Menschen mit außergewöhnlich hoher Freigiebigkeit, Geduld, Güte, und so weiter, sollten viel mehr in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Untersuchungen gelangen, anstatt weiterhin nur indirekt durch Untersuchungen von Hirn oder Verhalten auf den Geist zu schließen.