Jay Garfield, Doris Silbert Professor der Geisteswissenschaften und Professor für Philosophie am Smith College/ Northampton, an der Universität von Massachusetts sowie der Melbourne University, außerordentlicher Professor für Philosophie an der Central University of Tibetan Studies in Sarnath, Indien, legt in seinem Vortrag die Bedeutung der Achtsamkeit in der buddhistischen Philosophie und Praxis nicht nur für die Einsicht in die Beschaffenheit der Realität, sondern insbesondere auch für die Entwicklung und Aufrechterhaltung ethischen Verhaltens dar. Dies begründete er unter Anführung von Textstellen aus den Schriften des großen indischen Gelehrten Shantideva sowie von Auszügen aus verschiedenen frühbuddhistischen Sutren.
Darüber hinaus zog er im Rahmen seiner intensiven Ausführungen Parallelen zwischen der buddhistischen und der aristotelischen Philosophie dahingehend, dass beide moralisches Verhalten unabdingbar mit einer achtsamen Spontaneität verknüpfen.
Zu Beginn seines Vortrags erklärte Garfield, basierend auf Versen aus Shantidevas Bodhicaryavatara, die Bedeutung des Begriffs Achtsamkeit, wie dieser basierend auf der Herleitung aus dem Sanskrit zu verstehen ist, nämlich als ein Zusammenspiel von Aufmerksamkeit (sati/smṛti/dran pa) und wachsamer Selbstprüfung (sampajañña/samprajanya /shes bzhin). Während ersterer Geistesfaktor den Geist auf ein Objekt richtet, sorgt letzterer dafür, dass diese Ausrichtung ohne Ablenkung dauerhaft bestehen bleibt.
Wie Garfield betonte, ist diese Achtsamkeit aus buddhistischer Sicht absolut grundlegend für jedwede Entwicklung auf einem spirituellen Pfad: Weisheit und Einsicht in die konventionelle und in die endgültige Realität sind nur auf der Basis ethischer Disziplin zu erreichen. Diese wiederum kann nur auf der Grundlage der Entwicklung von Achtsamkeit entstehen, denn nur wenn der Geist sich seines Zustandes beständig gewahr wird, kann eine Analyse und Modifizierung seiner Beschaffenheit angestoßen werden. Ohne Achtsamkeit also keine Ethik, ohne Ethik keine Weisheit. Garfield führte eine mündliche Unterweisung von Kamtrul Rinpoche an, nach der nur durch die Konstanz der Achtsamkeit ein ethisches Verhalten beständig – Sekunde für Sekunde – fortgesetzt werden kann.
Man könne zwar, so Garfield in Erklärung weiterer Verse Shantidevas, äußerlich mit moralischen Verhaltensweisen befasst sein, ein echtes Erzeugen und Aufrechterhalten solchen Verhaltens sei jedoch nur möglich, wenn man sich des Zustandes des eigenen Geistes zu jedem Zeitpunkt bewusst sei. Denn, wie Garfield betonte, die drei hauptsächlichen Geistesgifte aus buddhistischer Sicht – Gier, Haß, Verblendung – sind allesamt als Störer gegen die notwendige Aufmerksamkeit des Geistes in bezug auf die Beschaffenheit der Realität im gegenwärtigen Augenblick zu betrachten, die diesen darin behindern, auf Basis einer tiefgehenden Analyse angemessen zu reagieren. Diese ständige, achtsame Analyse geschehe im Übrigen nicht künstlich oder explizit reflektiert, sondern als verinnerlichte, spontane Haltung, die sich eines im ethischen Sinne angemessenen Verhaltens stets bewusst ist.
Darüber hinaus betont Garfield, dass der Achtsamkeit auch eine entscheidende Rolle zukommt, wenn es darum geht, sich überhaupt des grundlegenden Leidens der menschlichen Existenz bewusst zu werden, welches wiederum im Geist selbst begründet liegt, der in all seiner Unachtsamkeit allerlei Leiden selbst schafft. Die unangemessene Geistestätigkeit führt zu der grundlegenden Verwirrung des Geistes, auf deren Grundlage alle weiteren Verwirrungen wie Gier, Haß usw. entstehen können.
Anhand verschiedener Textstellen aus frühbuddhistischen Texten belegte Garfield in der Folge, dass diese Darstellung keine originär mahayanistische, sondern eine gesamtbuddhistische ist. Unter anderen führt er Zitate aus dem Satipaṭṭhāna-sutta, dem Vitakkasaṇṭhāna-sutta, dem Sekha-sutta sowie dem Kāyagatāsati-sutta an.
In einem Exkurs legte Garfield dar, dass in der aristotelischen Philosophie ebenso wie in der buddhistischen eine direkte Verbindung zwischen einer Verhaltensweise und dem geistigen Zustand, auf dem diese basiert, besteht. Heilsames Handeln entstehe nach Aristoteles freiwillig, freudvoll, als Konsequenz des eigenen Charakters, spontan. Ein wirklich freundliches Verhalten entspringt nicht der expliziten Überlegung, dass dieses angemessen und an den Tag zu legen sei. Es entsteht vielmehr, weil jemand freundlich ist.
Heilsames Verhalten entspringt also, so Garfield weiter, einer verinnerlichten Wahrnehmung moralischen Denkens und Handelns, es tritt dann spontan zu Tage und beruht auf inneren Qualitäten wie Mitgefühl und Freundschaftlichkeit. Muss man sich einer bestimmten Situation zunächst das zu zeigende moralisch angemessene Verhalten ins Bewusstsein rufen, so ist dies mit einer Musikerin zu vergleichen, die sich inmitten ihrer Darbietung bewusst an die zu spielenden Noten und Griffe erinnern muss, ohne diese natürlich, verinnerlicht, spontan parat zu haben. Von einer in vollendetem Sinne moralisch handelnden Person sei ein solcher Zwischenschritt nicht zu erwarten.
Wir erwarten von einem moralisch Handelnden Achtsamkeit, Bewusstheit, Aufmerksamkeit, und nicht Roboterhaftigkeit. Auf der anderen Seite erwarten wir von ihm Spontaneität, und nicht Berechnung. Ein Spannungsfeld, das nach einer Lösung im Sinne eines Mittleren Weges (madhyama pratipad) rufe, so Garfield weiter.
Um diese Lösung aufzuzeigen, griff Garfield zum Abschluss seines intensiven Vortrags erneut auf Aristoteles zurück: Dieser setzt bei einem moralisch Handelnden nicht nur moralische Tugendhaftigkeit, sondern auch das zugrundeliegende praktische Wissen voraus, diese Tugend “in die Tat” umzusetzen. Wie handele ich beispielsweise wem gegenüber großzügig? Wie gebe ich, wieviel gebe ich? Auch spontanes Handeln muss also in gewisser Hinsicht bedacht sein.
In ähnlicher Weise weist die buddhistische Philosophie der Intention, der Motivation eine zentrale Rolle zu, die dem eigenen Verhalten zugrunde liegt. Heilsames Verhalten ist also absichtsvoll. Selbst in dem echten, im o.a. Sinne spontanen ethischen Verhalten ist also Intention, Absicht, Bedacht, kurz: Achtsamkeit enthalten, so Garfield. Es geht also darum, dass ein in seinem ethischen Verhalten hochentwickelter Mensch Prinzipien verinnerlicht hat, die es ihm erlauben, “unbewusst Bewusstheit” an den Tag zu legen.
Achtsamkeit schlägt also die Brücke zwischen Spontaneität und ethischem Handeln. Sie schafft eine Freiheit des Handelns in dem Sinne, dass sie dem Handelnden die Fähigkeit verleiht, auf die Situation, in der er sich befindet, bewusst einzugehen, anstatt nur darauf reagieren zu können. Garfield nennt das die “Urheberschaft” (authorship), die wir für unser Leben erwirken können, wenn wir eine solche Achtsamkeit entwickelt haben. Wie Shantideva im fünften Kapitel seines Bodhicharyavatara schreibt, zitiert nach Garfield:
70. Since it is the only the basis of coming and going,
Think of your body as a vessel;
Let it be your wish that your body
Achieves the purposes of sentient beings.
71. In this way one becomes free.
And with a perpetual smile,
Forgoing scowls and dark countenance,
One becomes a sincere friend to all beings.
In der deutschen Übersetzung (aus dem Sanskrit) von Ernst Steinkellner:
70. Stell’ dir den Körper als Schiff vor, weil er geht und kommt, und dann laß den Körper nach Belieben kommen, damit du die Zwecke der Wesen förderst.
71. Also Herr über sein Selbst, möge [der Bodhisattva] stets lächeln, das Runzeln der Brauen unterlassen, als erster die Worte der Begrüßung sprechen, der Welt ein Freund sein.
Jay Garfield schloss, indem er Achtsamkeit als Voraussetzung für die buddhistische Praxis, das stetige Üben, an den Anfang stellte. Achtsamkeit mache die eigentliche Übung erst möglich. Wir üben nicht, um achtlos zu werden, sondern um immer spontaner achtsam zu werden und uns irgendwann anstrengungslos achtsam unseres Selbst, unseres Verhaltens, unserer Mitmenschen und der stets angemessenen Ethik bewusst zu sein.