Prof. Ph.D. Jay Garfield – Achtsamkeit, Ethik und wie wir die Welt verändern

Jay Garfield, Doris Silbert Professor der Geisteswissenschaften und Professor für Philosophie am Smith College/ Northampton, an der Universität von Massachusetts sowie der Melbourne University, außerordentlicher Professor für Philosophie an der Central University of Tibetan Studies in Sarnath, Indien, legt in seinem Vortrag die Bedeutung der Achtsamkeit in der buddhistischen Philosophie und Praxis nicht nur für die Einsicht in die Beschaffenheit der Realität, sondern insbesondere auch für die Entwicklung und Aufrechterhaltung ethischen Verhaltens dar. Dies begründete er unter Anführung von Textstellen aus den Schriften des großen indischen Gelehrten Shantideva sowie von Auszügen aus verschiedenen frühbuddhistischen Sutren.

Darüber hinaus zog er im Rahmen seiner intensiven Ausführungen Parallelen zwischen der buddhistischen und der aristotelischen Philosophie dahingehend, dass beide moralisches Verhalten unabdingbar mit einer achtsamen Spontaneität verknüpfen.

Zu Beginn seines Vortrags erklärte Garfield, basierend auf Versen aus Shantidevas Bodhicaryavatara, die Bedeutung des Begriffs Achtsamkeit, wie dieser basierend auf der Herleitung aus dem Sanskrit zu verstehen ist, nämlich als ein Zusammenspiel von Aufmerksamkeit (sati/smṛti/dran pa) und wachsamer Selbstprüfung (sampajañña/samprajanya /shes bzhin). Während ersterer Geistesfaktor den Geist auf ein Objekt richtet, sorgt letzterer dafür, dass diese Ausrichtung ohne Ablenkung dauerhaft bestehen bleibt.

Wie Garfield betonte, ist diese Achtsamkeit aus buddhistischer Sicht absolut grundlegend für jedwede Entwicklung auf einem spirituellen Pfad: Weisheit und Einsicht in die konventionelle und in die endgültige Realität sind nur auf der Basis ethischer Disziplin zu erreichen. Diese wiederum kann nur auf der Grundlage der Entwicklung von Achtsamkeit entstehen, denn nur wenn der Geist sich seines Zustandes beständig gewahr wird, kann eine Analyse und Modifizierung seiner Beschaffenheit angestoßen werden. Ohne Achtsamkeit also keine Ethik, ohne Ethik keine Weisheit. Garfield führte eine mündliche Unterweisung von Kamtrul Rinpoche an, nach der nur durch die Konstanz der Achtsamkeit ein ethisches Verhalten beständig – Sekunde für Sekunde – fortgesetzt werden kann.

Man könne zwar, so Garfield in Erklärung weiterer Verse Shantidevas, äußerlich mit moralischen Verhaltensweisen befasst sein, ein echtes Erzeugen und Aufrechterhalten solchen Verhaltens sei jedoch nur möglich, wenn man sich des Zustandes des eigenen Geistes zu jedem Zeitpunkt bewusst sei. Denn, wie Garfield betonte, die drei hauptsächlichen Geistesgifte aus buddhistischer Sicht – Gier, Haß, Verblendung – sind allesamt als Störer gegen die notwendige Aufmerksamkeit des Geistes in bezug auf die Beschaffenheit der Realität im gegenwärtigen Augenblick zu betrachten, die diesen darin behindern, auf Basis einer tiefgehenden Analyse angemessen zu reagieren. Diese ständige, achtsame Analyse geschehe im Übrigen nicht künstlich oder explizit reflektiert, sondern als verinnerlichte, spontane Haltung, die sich eines im ethischen Sinne angemessenen Verhaltens stets bewusst ist.

Darüber hinaus betont Garfield, dass der Achtsamkeit auch eine entscheidende Rolle zukommt, wenn es darum geht, sich überhaupt des grundlegenden Leidens der menschlichen Existenz bewusst zu werden, welches wiederum im Geist selbst begründet liegt, der in all seiner Unachtsamkeit allerlei Leiden selbst schafft. Die unangemessene Geistestätigkeit führt zu der grundlegenden Verwirrung des Geistes, auf deren Grundlage alle weiteren Verwirrungen wie Gier, Haß usw. entstehen können.

Anhand verschiedener Textstellen aus frühbuddhistischen Texten belegte Garfield in der Folge, dass diese Darstellung keine originär mahayanistische, sondern eine gesamtbuddhistische ist. Unter anderen führt er Zitate aus dem Satipaṭṭhāna-sutta, dem Vitakkasaṇṭhāna-sutta, dem Sekha-sutta sowie dem Kāyagatāsati-sutta an.

In einem Exkurs legte Garfield dar, dass in der aristotelischen Philosophie ebenso wie in der buddhistischen eine direkte Verbindung zwischen einer Verhaltensweise und dem geistigen Zustand, auf dem diese basiert, besteht. Heilsames Handeln entstehe nach Aristoteles freiwillig, freudvoll, als Konsequenz des eigenen Charakters, spontan. Ein wirklich freundliches Verhalten entspringt nicht der expliziten Überlegung, dass dieses angemessen und an den Tag zu legen sei. Es entsteht vielmehr, weil jemand freundlich ist.

Heilsames Verhalten entspringt also, so Garfield weiter, einer verinnerlichten Wahrnehmung moralischen Denkens und Handelns, es tritt dann spontan zu Tage und beruht auf inneren Qualitäten wie Mitgefühl und Freundschaftlichkeit. Muss man sich einer bestimmten Situation zunächst das zu zeigende moralisch angemessene Verhalten ins Bewusstsein rufen, so ist dies mit einer Musikerin zu vergleichen, die sich inmitten ihrer Darbietung bewusst an die zu spielenden Noten und Griffe erinnern muss, ohne diese natürlich, verinnerlicht, spontan parat zu haben. Von einer in vollendetem Sinne moralisch handelnden Person sei ein solcher Zwischenschritt nicht zu erwarten.

Wir erwarten von einem moralisch Handelnden Achtsamkeit, Bewusstheit, Aufmerksamkeit, und nicht Roboterhaftigkeit. Auf der anderen Seite erwarten wir von ihm Spontaneität, und nicht Berechnung. Ein Spannungsfeld, das nach einer Lösung im Sinne eines Mittleren Weges (madhyama pratipad) rufe, so Garfield weiter.

Um diese Lösung aufzuzeigen, griff Garfield zum Abschluss seines intensiven Vortrags erneut auf Aristoteles zurück: Dieser setzt bei einem moralisch Handelnden nicht nur moralische Tugendhaftigkeit, sondern auch das zugrundeliegende praktische Wissen voraus, diese Tugend “in die Tat” umzusetzen. Wie handele ich beispielsweise wem gegenüber großzügig? Wie gebe ich, wieviel gebe ich? Auch spontanes Handeln muss also in gewisser Hinsicht bedacht sein.

In ähnlicher Weise weist die buddhistische Philosophie der Intention, der Motivation eine zentrale Rolle zu, die dem eigenen Verhalten zugrunde liegt. Heilsames Verhalten ist also absichtsvoll. Selbst in dem echten, im o.a. Sinne spontanen ethischen Verhalten ist also Intention, Absicht, Bedacht, kurz: Achtsamkeit enthalten, so Garfield. Es geht also darum, dass ein in seinem ethischen Verhalten hochentwickelter Mensch Prinzipien verinnerlicht hat, die es ihm erlauben, “unbewusst Bewusstheit” an den Tag zu legen.

Achtsamkeit schlägt also die Brücke zwischen Spontaneität und ethischem Handeln. Sie schafft eine Freiheit des Handelns in dem Sinne, dass sie dem Handelnden die Fähigkeit verleiht, auf die Situation, in der er sich befindet, bewusst einzugehen, anstatt nur darauf reagieren zu können. Garfield nennt das die “Urheberschaft” (authorship), die wir für unser Leben erwirken können, wenn wir eine solche Achtsamkeit entwickelt haben. Wie Shantideva im fünften Kapitel seines Bodhicharyavatara schreibt, zitiert nach Garfield:

70. Since it is the only the basis of coming and going,

Think of your body as a vessel;

Let it be your wish that your body

Achieves the purposes of sentient beings.

71. In this way one becomes free.

And with a perpetual smile,

Forgoing scowls and dark countenance,

One becomes a sincere friend to all beings.

In der deutschen Übersetzung (aus dem Sanskrit) von Ernst Steinkellner:

70. Stell’ dir den Körper als Schiff vor, weil er geht und kommt, und dann laß den Körper nach Belieben kommen, damit du die Zwecke der Wesen förderst.

71. Also Herr über sein Selbst, möge [der Bodhisattva] stets lächeln, das Runzeln der Brauen unterlassen, als erster die Worte der Begrüßung sprechen, der Welt ein Freund sein.

Jay Garfield schloss, indem er Achtsamkeit als Voraussetzung für die buddhistische Praxis, das stetige Üben, an den Anfang stellte. Achtsamkeit mache die eigentliche Übung erst möglich. Wir üben nicht, um achtlos zu werden, sondern um immer spontaner achtsam zu werden und uns irgendwann anstrengungslos achtsam unseres Selbst, unseres Verhaltens, unserer Mitmenschen und der stets angemessenen Ethik bewusst zu sein.

Prof. Dr. Josef Keuffer – Zur Anwendung und Erforschung des Achtsamkeitskonzepts in pädagogischen Kontexten

Professor Dr. Keuffer leitet mit der Frage ein, wie Achtsamkeit und Pädagogik zusammen passen? Achtsamkeit sei in der Pädagogik in den letzten Jahrzehnten kein Begriff gewesen. Erst in jüngster Zeit gäbe es Bücher zu Themen, wie “Achtsamkeit in der Schule”. Wie Vera Kaltwasser dargestellt hätte, gäbe es entsprechende Versuche nun auch schon in der Praxis, aber in ihrem Vortrag wären die vielen Schwierigkeiten, auf welche sie in ihrer Praxis oft gestoߟen sei, unerwähnt geblieben. Er richtete dann aber dennoch vielen Dank an Frau Kaltwasser, denn diese Bemühungen würden zukünftigen Lehrergenarationen das Leben erleichtern.

Er stellte dann mehrere Thesen auf, beispielsweise, Lehrkräfte müssten die Achtsamkeits-Methoden zunächst selbst erlernen bevor sie es versuchen an ihre Schüler weiterzugeben. Achtsamkeitspraxis setze keine Religion voraus und könne keiner Glaubensrichtung zugerechnet werden.

Laut Jon Kabat-Zinn sei, solange jemand atme, mit ihm mehr in Ordnung als nicht in Ordnung. In der Schule würden wir dieses aber nicht vermitteln, sondern Druck und Stress.
Man könne eine Arbeitsdefinition für den schulischen Umgang etwa so aufstellen: “Wir beobachten den Geist und den Körper und führen den Körper immer wieder in den aktuellen Moment zurück.”
Alan Wallace beschreibt in seiner Achtsamkeits Revolution vielfältige Techniken, von denen wir allerdings nur die einfachsten realistisch gesehen in die staatlichen Schulen bringen könnten.
Was ist mit Nebenwirkungen, was steht auf dem Beipackzettel? Das müsse noch genau untersucht werden. Es könne passieren, dass bei falscher Atmung hyperventiliert wird, und wäre man als Lehrer dann darauf vorbereitet einen hyperventilierenden Schüler im Klassenraum zu haben?

Da wir die Errungenschaft der Trennung von Religion und Staat hätten, müsse in den Hochschulen Weltanschauungsfreiheit herrschen, denn es wäre verheerend, wenn wir Absolutheitsansprüche in die Schule bringen wollten.

Mit der Achtsamkeitspraxis müsse man versuchen einen bewertungsfreien Raum zu schaffen, fern dem Leistungsdruck, aber es müsse viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, denn zu begründen, weshalb ein solcher bewertungsfreier Raum finanziert werden sollte, sei nicht ganz einfach.

Beim Bielefelder Projekt hätten sie viel mit Achtsamkeit in der Bildung experimentiert, allerdings im Gegensatz zu Vera Kaltwasser nicht nur mit positiven Resultaten.
Auch Achtsamkeit würde nicht zu einer perfekten Schule führen, aber sie könne dazu beitragen, dass eine Ökologie der Aufmerksamkeit entstünde. Schüler hätten Raum zu lernen, zu überdenken, sich auszutauschen, zu reflektieren. Dazu könne Achtsamkeit beitragen. Auch könne sie helfen der Zerstreuungskultur zu entkommen. Die Industrie setze alles daran, dass wir so abgelenkt seien wie es nur ginge. Die Dauerablenkung sei vorprogrammiert. Bildung sei das Gegenteil dieser Ablenkung, und Achtsamkeit das Mittel um dort heraus zu kommen.
Es sei kein Ziel von Unterricht gierige Konsumenten heran zu ziehen, sondern nach wie vor wäre das Ziel der Mündige Bürger. Wir brauchten Vordenker, wir brauchten Menschen welche diese Möglichkeit in der Schule, in der Bildung erproben und ihre Ergebnisse zusammen fassen, so dass Bausteine für die Zukunft entworfen werden könnten.
In der Pädagogik gäbe es noch keine empierisichen Daten, aber Professor Keuffer wolle an dieser Stelle ein Signal aussehenden. Es gäbe in der Pädagogik in den Peer-Review-Zeitschriften keinen einzigen Aufsatz zu diesem Thema. Das wolle schon etwas heißen.
Es sei noch gar nicht erforscht, ob wir die Schüler überhaupt mit Achtsamkeitsübungen positiv beeinflussen könnten und wüssten, selbst wenn, noch gar nicht was dieses Positive überhaupt sei.

Prof. Dr. med. Gustav Dobos – Die Wirkung von Achtsamkeit auf Gesundheit und Wohlergehen von Krebs-Patienten

von Jennifer Hansch

Prof. Dr. med. Gustav Dobos begann seinen Vortrag mit der Frage, welche der Zuhörer Meditierende, Ärzte, Therapeuten, Buddhisten oder Patienten seien, um sich besser auf das Publikum einstellen zu können.

Er sprach dann zunächst darüber, wie sehr sich die Haltung der Onkologie in Bezug auf das Achtsamkeitstraining und ähnliche komplementäre Behandlungsformen gewandelt habe. Waren vor einigen Jahren von Medizinern noch häufiger zynische Bemerkungen zu hören, ist MBSR heute in die Leitlinien der gynäkologischen Onkologie aufgenommen worden.
Prof. Dobos stellte im folgenden die von ihm und Dr. Anna Paul aufgebaute Essener Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin vor. Ein Vorteil der Neugründung sei gewesen, dass das Personal entsprechend der Zielsetzung der Einrichtung ausgewählt werden konnte – so seien einige Meditierende und auch Buddhisten hier angestellt. Der Ansatz der Klinik, die eine Modelleinrichtung des Landes NRW ist, ist die Verknüpfung klassischer Schulmedizin mit wissenschaftlich überprüfbarer Naturheilkunde und Mind/Body-Medizin.
Mit dem Zitat einer Krebs-Patientin, die ihre Erkrankung als ein Erdbeben der Stufe 8 beschrieb, das auf einem Quadratmeter stattfindet, leitete Prof. Dobos zum Hauptthema seines Vortrags über. Er machte deutlich, dass die Diagnose Krebs nicht nur eine körperliche Erkrankung bedeute, sondern auch eine extreme psychische Stresssituation, die, wenn sie beispielsweise in einer schweren Depression mündet, auch die Überlebenschance stark mindern kann.
Um den Patienten in dieser schwierigen Situation Hilfe anbieten zu können, wurde für die Essener Klinik in Zusammenarbeit mit Jon Kabat-Zinn und der Harvard Medical School ein umfangreiches Programm entwickelt, das MBSR mit den Komponenten Ernährung und Bewegung verbindet.
Im Zusammenhang mit den in diesem Programm angebotenen Achtsamkeitsübungen  wies Prof. Dobos darauf hin, dass für die Patienten die Bezeichnung der entsprechenden Übung von nicht zu unterschätzender Bedeutung sei. Wenn ein Patient eine Methode z.B. unter der Überschrift „Entspannung“ präsentiert bekäme und es ihm dann nicht gelänge, sich zu entspannen, könne dies leicht zu weiterem Stress führen. Hier ist Achtsamkeit in der Begriffswahl und eine intensive Betreuung der Patienten wesentlich.
Ein weiterer Bestandteil des Essener Modells ist die wissenschaftliche Analyse ihres Programms. Hierzu werden momentan umfangreiche Befragungen von 120 Patienten und Patientinnen ausgewertet. Es deutet sich auch hier an, dass besonders der psychosoziale Umgang mit der Krankheit (z.B. Angst, Depression, Schlafstörung) deutlich verbessert wird. Wer denkt, dass dies in Anbetracht einer Krebserkrankung nicht besonders viel ist, wurde im Vortrag durch einige beeindruckende Patienteninterviews eines besseren belehrt. Eine Frau berichtet zum Beispiel, dass sie mit Hilfe des Essener Programms bei sich angekommen sei und nun auch zulassen kann, dass ihre Kinder erwachsen werden. Eine andere lacht nun sehr viel – trotz ihrer schweren Erkrankung. Prof. Dobos erzählt von vielen solcher Entwicklungen, die weit über die Einzelpersonen hinaus in die Familien wirken. Viele Menschen sähen ihre Krankheit als Chance zur Entwicklung. Besonders ausgeprägt sei diese Haltung bei den Patienten, die sich mit Achtsamkeit beschäftigen. Bei ihnen seien auch weitere positive Nebeneffekte zu bemerken, zum Beispiel, dass ihr Vertrauen in den medizinischen Betrieb steigt. Auf die Ergebnisse der Studie dürfen wir gespannt sein.

Hozan Alan Senauke Roshi – Achtsamkeit und Engagement gehören zusammen

Alan Senauke begann seinen eindringlichen und beeindruckenden Vortrag mit einer Erinnerung an einen Ausspruch, eine zentrale Aussage des vietnamesischen Dharmalehrers Thich Nhat Hanh: Mindfulness must be engaged – Achtsamkeit muss engagiert sein, verstanden als Grundlage des von Thich Nhat Hanh begründeten Engagierten Buddhismus.

Alan Senauke führt aus, dass wahrer Frieden im Sinne der Chan-Tradition nur entstehen kann, wenn wir Spontaneität und echte Beziehung zu anderen Menschen und zu der Umwelt, in der wir leben, verwirklichen.

Der Buddha selbst, der bekanntermaßen mit einem Arzt verglichen wird, dessen Medizin – der Dharma – hilft, alles Leiden in der Welt zu überwinden, hat zu Lebzeiten zwei radikale Prinzipien miteinander verknüpft: absolute Gleichheit und absoluten Individualismus. Die von ihm geschaffene Gemeinschaft der Ordinierten machte keinen Unterschied nach Kasten, sozialer Herkunft oder Geschlecht und setzte die Gleichheit aller Mitglieder der Gemeinschaft an erste Stelle. Gleichzeitig betont die Lehre des Buddha den radikalen Individualismus dergestalt, dass nur durch die intensive und nachhaltige Beschäftigung mit dem eigenen Geist eine dauerhafte Befreiung aus dem Leiden bewirken kann.

Wie Alan Senauke betont, ist auch in der heutigen Zeit ein radikaler Individualismus weit verbreitet – allerdings ein aus Sicht der buddhistischen Achtsamkeitspraxis völlig falsch verstandener und irregeleiteter Individualismus, der das Wohl des Einzelnen, das eigene Wohl, über das Wohl der Gesellschaft insgesamt stellt, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen des eigenen Verhaltens und Handelns auf die Welt zu nehmen.

Alan Senauke erinnert erneut an Thich Nhat Hanh und die Zeit, als dieser den Engagierten Buddhismus ins Leben rief: Der Vietnamkrieg war in vollem Gange, als Thich Nhat Hanh und seine Gemeinschaft sich die Frage stellten, ob sie in ihren Klöstern bleiben sollten, um weiter den Dharma zu praktizieren, oder ob sie hinaus gehen sollten, um der notleidenden Bevölkerung zu helfen. Sie trafen die Entscheidung, beides miteinander zu verbinden: In die Welt außerhalb der Klostermauern zu gehen und dort auf achtsame Art und Weise zu helfen.

In gleicher Weise müssen wir, so appelliert Alan Senauke, uns der Probleme der Welt umfassend gewahr werden, um darauf aufbauend achtsam erkennen zu können, wie wir diese Probleme lösen und der Welt helfen können.

Alan Senauke stellt die Frage in den Raum, ob das heutzutage weithin geforderte Engagement buddhistischer Praktizierende Dharma sei, oder ob es von westlichen Buddhisten gewissermaßen dem Dharma übergestülpt werde, um dem eigenen Anspruch moralischen Handelns gerecht zu werden und nicht „nur zu sitzen und zu atmen“. Er betont, dass das Licht der Achtsamkeit innen und außen zu entzünden sei, wie es die Zen-Tradition besagt: Innen und außen sind nicht zu trennen. Jeder Ort, jedes Ding, das uns umgibt, ist Teil von uns selbst, in gleicher Weise sind wir selbst Teil jedes Ortes und jedes Dings, das uns umgibt. Es ist also als zentraler Bestandteil jeder buddhistischen Praxis zu sehen, sich achtsam in der uns umgebenden Welt zu engagieren, nachdem diese Interkonnektivität erkannt worden ist. Achtsamkeit kann nicht un-engagiert sein. Nur das Bewusstsein der eigenen Abhängigkeit kann zu einem wirklich achtsamen Leben führen. Denn Achtsamkeit beinhaltet das Gewahrsein unserer Umgebung und dessen, was darin vor sich geht, als natürlichen und grundlegenden Bestandteil seiner selbst.

Zum Abschluss seines Vortrags leitet Alan Senauke eine Meditation an, die, ausgehend von der Betrachtung des eigenen Atems in Verbindung mit der direkten Umgebung, darüber zu kontemplieren einlädt, dass die Bestandteile der eigenen Atemluft dieselben sind, die auch die Sitznachbarin einatmet, die der Obdachlose an der Ecke einatmet, die die burmesischen Flüchtlinge in Thailand atmen, die der Regenwald am Amazonas atmet, die der Buddha geatmet hat, und die Julius Caesar und Adolf Hitler geatmet haben. Auf diese Weise können wir uns bewusst sein, in welch enger Art und Weise wir mit unserer Umwelt verbunden sind, und dass es nicht der Wirklichkeit entspricht, unsere Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von unserer Umwelt und unseren Mitmenschen zu betonen, anstatt uns der tatsächlichen Bestehensweise des Daseins als in Abhängigkeit bestehend bewusst zu werden.

Prof. Dr. Gustav Dobos – Die Wirkung von Achtsamkeit auf Gesundheit und Wohlergehen von Krebs-Patienten

Prof. Dr. Gustav Dobos Dobos berichtete von einem Gespräch mit Doris Dörrie, deren Mann vor sechzehn Jahren an Krebs erkrankt war. Sie fragte den behandelnden Arzt, ob ihr Mann nicht ein Achtsamkeitsprogramm mitmachen könne. Zu der damaligen Zeit aber war dieser Gedanke im Klinikalltag vollkommen abwegig.

Heutzutage aber ist Achtsamkeit Teil der Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der klinischen Onkologie. Man könne, so Herr Dr. Dobos, heute auf Augenhöhe miteinander diskutieren.

Dr. Dobos stellte in der Folge seine Klinik vor, in der unter anderem integrative Medizin und auch naturheilkundliche Verfahren angeboten werden. Er beschrieb das Glück, die Klinik von Anfang an mit aufbauen zu können. Mitarbeiter waren und sind oft Buddhisten und sollten – zumindest war das in der Anfangszeit so – Meditationspraxis haben. Allerdings würden auch Internisten in der Klinik ausgebildet. Alle Anwendungen würden wissenschaftlich evaluiert,  Mind&Body Medizin als auch Achtsamkeitsmeditation seien ein festes Angebot in der Klinik.

Warum mag es sinnvoll sein, Achtsamkeitsmeditation in der Krebstherapie anzuwenden? Dr. Dobos zitierte den Satz einer Patientin:

Die Diagnose Krebs entspricht einem Erdbeben der Stärke Acht, das aber auf einem Quadratmeter stattfindet.

Diese Erschütterung zeigt sich in unterschiedlichsten Symptomen wie Angst, Depression, Stressgefühlen oder auch Schlaflosigkeit. MBSR und Achtsamkeitsmeditation können hier einige Linderung hervorrufen. Dabei werden Ernährung, Übungen und MBSR kombiniert. Eine gewisse Verfälschung der ursprünglichen Inhalte wird dabei bewusst in Kauf genommen, um den PatientInnen entgegen zu kommen, und auch um den Leistungsdruck, der manchmal gerade in Bezug auf Meditation entsteht, herauszunehmen. Jon Kabat-Zinn arbeitete persönlich bei der Einführung von MBSR in der Zentral-Klinik in Essen mit.

Dr. Dobos stellte verschiedene Studien zu der Wirksamkeit von  Achtsamkeitsmeditation vor, die grundsätzlich positiv in Hinsicht auf eine Verbesserung der Stimmung, der Abnahme von Stress und Schlaflosigkeit sowie einer Verbesserung des Allgemeinbefindens bei Krebspatienten wirken. Allerdings gab Dr. Dobos auch zu bedenken, dass das Studiendesign bei manchen Studien noch nicht optimal sei, und dass es da noch einigen Bedarf gäbe.

Schließlich zeigte Dr. Dobos einen Film von einer Patientin, die an dem Programm der Achtsamkeit teilgenommen hat. Sie fasste ihre Erfahrungen zusammen mit dem Satz, dass man ihr in der Klinik ihre Seele wiedergeben habe.

Welche Vorteile und welchen Nutzen also hat die Achtsamkeitsmeditation in der klinischen Anwendung? Die Patienten, so Dr. Dobos, würden durch die Achtsamkeitsmeditation motiviert, die Krankheit als wesentliche und wichtige Erfahrung zu erleben, die das Leben stark und auch positiv verändern könne. Eine Patientin sagte sogar, dass die Krankheit das Beste wäre, das ihr in ihrem Leben hätte passieren können. Die Patienten beginnen sich selbst als “spirituelle Person” zu erleben.

Aus dem Publikum kam folgende Frage auf: Im Falle von posttraumatischen Belastungsstörungen ist der Einsatz von MBSR nicht unbedingt optimal, da es für den Patienten nicht möglich ist, während der Meditation seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.  Wie kann man also dabei eine Dekompensation verhindern?

Bei Traumapatienten sei eine andere Vorgehensweise sinnvoll, so die Antwort. Vor allem Imaginationstechniken, die aus dem tibetischen Buddhismus kämen, hätten gute Ergebnisse erzielt, eine regelmäßige Realitätskontrolle sei sehr wichtig während der Praxis. Angst oder Ohnmacht seien natürlich dabei grundsätzlich nicht ausgeschlossen, aber damit könne auch umgegangen und gearbeitet werden. Weiterhin seien auch Yoga und Qigong zu empfehlen.

Frage: In welchen Kontext kann MBSR stattfinden? Wer kann der „spiritueller Begleiter“ sein, der dem Patienten hilft, die Erlebnisse aus der Meditation sinnvoll in das Leben und die eigene Kultur einzubinden?

Antwort: Anwendungen wie MBSR oder Achtsamkeitsmeditation können in der klinischen Anwendung nur ein Zwischenschritt sein, bei denen der Psychotherapeut anfänglich etwas begleitend wirken kann. Wird diese Praxis gut angenommen sollte ein spiritueller Lehrer die Leitung übernehmen.

Aus dem Publikum kam dann noch der Kommentar, dass der Effekt auf die Überlebensdauer der Krebspatienten klinisch untersucht werden solle.

 

 

Dr. med. Ulrike Anderssen-Reuster – Achtsamkeitsbasierte Depressionsbehandlung im klinischen Rahmen

Dr. Anderssen-Reuster begann ihren Vortrag mit einem historischen Überblick zu Thema Achtsamkeit u.a. bei Sigmund Freud, für den Vernunft und Religion schlicht als unvereinbar galt. Freud warnte gar vor der „schwarzen Schlammflut des Okkultismus“ und vertrat die Auffassung, ein gesunder Mensch bedürfe der Religion nicht.

Nach dem zweiten Weltkrieg aber, so Frau Dr. Anderssen-Reuster, habe dann aber ein Umdenken stattgefunden. Achtsamkeitsbasierte Psychotherapieverfahren wie MBSR, MBCT, DBT verbinden bewährte heute VT-Strategien mit verschiedenen Achtsamkeitselementen und achtsamkeitsbasierte Techniken.

“Achtsamkeit ist ein Instrument, um unsere körperlichen, affektiven und geistigen Regungen in statu nascendi zu beobachten. Die Beobachterposition ermöglicht Distanz und Desidentifikation. Die Zuwendung zu den beobachteten Phänomenen erfolgt in einer  annehmenden, integrierenden und liebevollen Haltung.”

Dabei sei der Bezug auf die vier edlen Wahrheiten wesentlich. Es gibt kein Leben ohne Leiden! Mit dieser Anerkennung fände eine Befreiung von von dem Zwang, das Leiden beenden oder verhinden zu müssen, statt.

Im zweiten Teil Ihres Vortrags beschrieb Dr. Anderssen-Reuster von den anfänglichen Schwierigkeiten im Klinikalltag, Techniken der Achtsamkeit zu etablieren. Sie berichtete von Angst vor ideologischer Vereinnahmung, Vorurteilen, u.s.w.. Diese Hindernisse waren aber bald überwunden. Frau Dr. Anderssen-Reuster betonte, dass es wichtig sei, keine Top Down Implementierung vorzunehmen – Freiwilligkeit sei zentral und wichtig!

Sodann berichtete sie von konkreten Anwendungen der buddhistischen Auffassung von Achtsamkeit in achtsamkeitsbasierten Kursen. Sie beschrieb dabei ein gestuftes Vorgehen:

Gestuftes Vorgehen
1. Überstehen         Skills, Ablenkung, Aktivitäten, Sport
2. Stresstoleranz     Entspannungsübungen, Imagination
3. Akzeptanz          „Radikale Akzeptanz“ üben
4. Werte                  Persönliche Wertvorstellungen entwickeln
5. Transzendenz      Beziehung zu höherer Macht erleben
6. Innere Weisheit     Intuitives Erleben ermöglichen
7. Defusion               Gedanken und Bewertung differenzieren
8. Konzentration       Gerichtete Aufmerksamkeit (z.B. Atem)
9. Achtsamkeit         Offenes Gewahrsein
10. Intersein             Verbundenheit mit Um- und Mitwelt
11. Metta                 Mitgefühl mit sich selbst und anderen

Psychotherapie und Spiitualität haben Schnittmengen, sind aber dennoch sehr verschieden voneinander. Trotzdem sei eine gewisse spirituelle Erfahrung notwendig, um überhaupt diese Art von Techniken an Patienten vermitteln zu können.

Und hier noch ein paar Literaturtips zum Thema:

  • Anderssen-Reuster – Achtsamkeit in Psychosomatik und Psychotherapie – Haltung und Methode, 2011 Schattauer
  • Germer, Siegel, Fulton – Achtsamkeit in der Psychotherapie, 2009 Arbor
  • Grepmair, Nickel, Achtsamkeit des Psychotherapeuten –     2007 Springer
  • Heidenreich, Michalak – Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie,  2009 dgvt
  • Martin, Philip – Der Zen-Weg aus der Depression – 2000 O.W. Barth
  • Segal, Williams, Teasdale – Die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie der Depression, 2008 dgvt

 

Bhikkhuni Dhammananda – Achtsamkeit als Element einer ganzheitlichen Erziehung

Bhikkuni Dhammananda beginnt mit einem Chant in Pali. Sie adressiert die 4 Gruppen (Mönche, Nonnen, männliche und weibliche Laien) von Praktizierenden. Die ganzen 13 Personen(gruppen) die vom Buddha gepriesen wurden, würde sie zwar auch gerne in ihrem Chant adressieren, aber wer den gesamten Chant hören möchte, solle bitte zu ihrem Tempel kommen.

Bhikkuni Dhammanandas Mutter hatte ebenfalls in Taiwan ihre Ordination erhalten. Sie erzählt davon, wie in Thailand die Buddhistische Nonnen-Tradition beinahe nicht vorhanden gewesen sei und erst seit ihrer eigenen Ordination 2001, habe es ein zunehmend starkes Interesse von Frauen dort gegeben, dieses Leben zu führen. Erst jetzt wäre Thailand soweit.
Der im Thailand praktizierte Buddhismus lege großen Wert auf die Achtsamkeitspraxis. Alle Tätigkeiten würden mit Achtsamkeit vollrichtet. Achtsamkeit sei der Schlüssel der Praxis, und nicht auf das Sitzen in Meditation beschränkt. Sie beschreibt, wie sie, wenn sie essen, die Nonnen ihres Klosters die Spender des Essens bedenken. Wenn sie sich kleiden, sie dies in Achtsamkeit tun. Die Nonnen hätten drei hauptsächliche “nissayas”, sie holen Essen, Lumpen (wenn niemand Roben gespendet hat) und Urin (wenn keine andere Medizin vorhanden ist).
Wenn die Nonnen Rat an Laien gäben oder Almosen empfingen, würden sie die Laien darauf hin weisen, dass sie ihnen keinerlei übernatürlichen Segen verabreichen könnten. So würden sie versuchen die Laien zu einem ursprünglicheren Verständnis des Buddhismus zurück zu führen.

Sie gibt viele kleine Beispiele in sehr schnellem Rhythmus, wie die Nonnen-Sangha ihr Leben gestaltet, von Almosen, dem Ratgeben, dem Chanten bis hin zum Bauen von Lehmhäusern, wie sie diese Aktivitäten achtsam gestalten.
Manchmal wüssten die Leute im Tempel angekommen gar nicht mehr wo genau vor dem Tempel sie ihre Schuhe abgestellt haben. Das sei ein Zeichen der mangelnden Achtsamkeit.

Buddhismus sei eine gut ausbalancierte Religion und die Lehren müssten im Alltag angewandt werden.

Als Abschluss ihres, von kleinen Anekdoten gespickten, Vortrags, zeigt Bhikkuni Dhammananda Photos aus ihrer Heimat, von ihrem Kloster, von all den Tätigkeiten, die sie in ihrem Vortrag beschrieben hat, damit auch wir Westler uns ihre Welt vor- und eine Verbindung zu ihr herstellen können.

Dr. Matthieu Ricard – Achtsamkeit im Dienst von Altruismus und Mitgefühl

Matthieu Ricard gab zu bedenken, dass er den Ausführungen seiner Vorredner in Sachen Neuronalmedizin wenig hinzuzufügen habe, so dass er sich darauf beschränke, die Ansichten und Lehren seiner Meister in dieser Sache zu spiegeln. Er nahm also eindeutig einen traditionell buddhistischen Standpunkt ein und kommentierte so die naturwissenschaftlichen Aussagen seiner Vorredner.

Man könne die Ergebnisse der neuronalen Forschung besser einordnen, bzw. deren Bedeutung besser verstehen, wenn man sie aus der Perspektive der Achtsamkeit betrachte.

Ricard hob die in buddhistischer wie neurowissenschaftlicher Hinsicht parallele Betrachtungsweise hervor, dass zwei Emotionen wie beispielsweise Güte und Hass nicht zur gleichen Zeit erscheinen könnten. Zwar wäre das Potenzial zu dem einen oder anderen vorhanden, doch könne immer nur eine von beiden die Oberhand gewinnen. Oberflächlich betrachtet sei es möglich, solche Gefühle zu benennen und somit auch aufzufinden. Allerdings würde diese Betrachtungsweise bei genauerer Betrachtung und immer genauerer Betrachtung immer schwieriger werden, da man diese Objekte der Benennung, die Emotionen also, nicht mehr auffinden könne. Wie, fragte Ricard, verändern sich dadurch die Bedeutungen der Untersuchungen zu den neurologischen Korrelaten dieser Objekte, die sich aber der Benennung – die sich einem Erfassen insgesammt entziehen müssen.

Ist der Geist identisch mit dem Objekt der neurologischen Untersuchungen, dem Gehirn? Ricard sieht keinen unüberbrückbaren Graben zwischen den Vertretern des reinen Materialismus und denen, die Geist aus der Perspektive der ersten Person erforschen. Auch die Vorstellung, der Geist sei identisch mit dem Gehirn, sei, so Ricard, eine Form des Glaubens.

Ricard nannte die Erfahrung des reinen Gewahrseins, das nicht mehr gestört wird durch Vergangenes oder Gedanken an die Zukunft, das durch nichts abgelenkt auf die Phänomene der Welt schaut ohne Wertung, eine Primäterfahrung. Auch dies sei, so Ricard, eine Weltsicht die ebenso wertvoll und korrekt sei, wie jene welche das Gehirn selbst zum Objekt der Untersuchung mache. Ein auf Erfahrung beruhender Forschungsbereich der Ersten-Person-Perspektive, der ebenso ernst zu nehmen sei, der eben solche Berechtigung habe und der ebenso in der Lage sei, zu gültigen Schlussfolgerungen zu gelangen wie die Erkenntnisse der Dritten-Person-Perspektive.

Weiterhin betonte Ricard die Ähnlichkeit in der Herangehensweise der tibetischen Tradition und der wissenschaftlichen Tradition des Westens. Die Grundlagen seien bei beiden die genaue Beobachtung der Wirklichkeit und das sorgfältige Training der Aufmerksamkeit.

Schließlich erklärte Ricard die Beziehungen zwischen Achtsamkeit und Mitgefühl, das Entstehen und die Wirkung der Geistesgifte im Kontinuum des Geistes aus buddhistischer Sicht sowie die Möglichkeiten Gegenmittel gegen die Leidenschaften, die Kleshas anzuwenden. Er betonte die Bedeutung der Setzung von positiven Tendenzen im Leben, der Etablierung positiver Gedanken in dem Sinne, das man das Gute tun, Schaden aber vermeiden solle.

Er besprach die Mechanismen der Verblendung und den Zustand der direkten Erkenntnis, des Gewahrseins der reinen Geistes, frei von Gedanken. Aus dieser Position, mit solch einer Achtsamkeit, solch einem Gewahrsein und solch einer Kenntnis des Geistes würden schon die Anfänge der Leidenschaften sofort befreit werden können, als würde man den Namen Alan (schaute zu Alan Wallace) mit einen Stock ins Wasser schreiben.

Vera Kaltwasser – Curriculum: Achtsamkeit in der Erziehung

Vera Kaltwasser zeigte sich zu Anfang ihres Vortrages unzufrieden mit den Standardisierungs- und Quantifizierungsbestrebungen an den Schulen, die bei den Schülern oft Zeitnot und Getriebenheit auslösen würden. Schüler, so Frau Kaltwasser, benötigen Zeit, um in eigener Sache zu forschen. Ein Zitat von Peter Bieri unterstrich das Gesagte:

„Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst. Das ist kein blosses Wortspiel. Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, als ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein. Wie kann man sie beschreiben?“

Frau Kaltwasser stellte die Frage, wie viel Körper die Bildung brauche, da in der tagtäglichen Schulpraxis der Körper eher als Störenfried begriffen wird, obwohl ihrer Ansicht nach dieser zur „biologischen Grundausstattung“ gehöre, dessen Wahrnehmung überhaupt erst ein Eingreifen in Richtung einer Verstärkung der Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit ermöglichen würde. Die Neurowissenschaften eröffneten einen Blick auf das breite Spektrum von Interaktionen  zwischen Körper, Emotionen und Geist.

Problematisch sei, so Frau Kaltwasser weiter, dass der Begriff Achtsamkeit und damit verbundene Übungen bei der Schulleitung und den Eltern oft auf Vorurteile stoßen würden, die es gelte auszuräumen. Sie betonte, dass es allerdings nicht leicht sei, die ersten Schritte in Richtung Achtsamkeit zusammen mit den Schülern zu tun, da oft beim ersten Mal die Meditation überhaupt nicht gelinge. Kontinuierliches Üben sei gefragt, Schwierigkeiten, die in jedem Falle auftreten würden, sollten mit ins Boot geholt werden.

Frau Kaltwasser zeigte einige sehr amüsante Fotos von Experimenten, die sie an ihrer Schule durchführte, um die Wechselwirkungen bspw. von Haltung und Emotion den Schülern und Schülerinnen nahe zu bringen. Auch Versuche mit Formen des QiGong gehören zu Ihrem Repertoire.

Hier dazu ein kleines Beispiel.

Die offensichtlichen Vorteile einer regelmäßigen Übung der Achtsamkeit an der Schule sind beispielsweise die Bewusstwerdung von „Autoplilotmustern“, „Gedankenspiralen“, „Sortiermaschinen“, also von erlernten und automatisierten Verhaltensmustern die immer wieder zu ähnlichen Konflikt- und Problemmustern führen.

Gegen Ende ihres Vortrages stellte Frau Kaltwasser eine ihrer Publikationen vor, ein Tip, den wir nicht vorenthalten wollen.

Buchtip: Persönlichkeit und Präsenz

Dr. Peter Malinowski – Wie fördert Achtsamkeit positive psychologische Veränderungen?

Dr. Peter Malinowski, Dozent in Psychologie und Kognitionswissenschaften an der John Moores-Universität in Liverpool und erfahrener Meditationslehrer in der Karma Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus, untersucht, wie die Achtsamkeitspraxis Veränderungen im psychologischer Hinsicht bewirkt, und inwiefern Gewohnheiten und Charakter bei Langzeit-Praktizierenden durch deren Achtsamkeitspraxis beeinflusst werden.

Zu Beginn seines Vortrags stellt Dr. Malinowski dar, welche Wirkmechanismen aus seiner Sicht bei der Achtsamkeitspraxis aktiv sind und in welcher Art und Weise sie interagieren. So steht die Achtsamkeitspraxis im Zusammenhang mit Mechanismen der Aufmerksamkeit, mit der Gefühlssteuerung sowie mit kognitiver Flexibilität. Diese Komponenten wirken sich wiederum auf die Wahrnehmung der Umwelt sowie auf das eigene Verhalten und Handeln im Lebensalltag aus. Hierdurch wird deutlich sichtbar, welche Alltagsrelevanz die Meditationspraxis tatsächlich besitzt.

Um diese Mechanismen zu erforschen, bieten sich verschiedene methodische Zugänge an. Aus dem Bereich der Korrelationsstudien berichtet Dr. Malinowski zunächst über eine Online-Befragung mit 634 Teilnehmenden, die sich u.a. zu ihrem Essverhalten äußerten. Essen ist ein besonders interessantes Verhalten, so Dr. Malinowski, weil es zum einen überlebenswichtig ist, zum anderen aber mit vielen sozialen, kulturellen und emotionalen Faktoren verknüpft ist.

Das Ergebnis dieser Befragung wird im sogenannten Mediationsmodell dargestellt und lässt sich so deuten, dass sich Achtsamkeit direkt und indirekt auf emotionales wie auf unkontrolliertes Essverhalten auswirkt. Solche Verhaltensmuster sind in geringerem Maße bei denjenigen Probanden festzustellen, die über einen höheren Grad an Achtsamkeit verfügen. So verringert sich beispielsweise das negative Ich-Denken, welches sich wiederum auf emotionales bzw. unkontrolliertes Essverhalten auswirkt.

In einer Querschnittsstudie (Gruppenvergleich) wurden 25 buddhistische Achtsamkeitspraktizierende mit einer nicht-meditierenden Kontrollgruppe verglichen, um auf diese Weise zu untersuchen, ob eine Korrelation zwischen Aufmerksamkeitsleistungen und der durch die Probanden berichteten Achtsamkeit besteht. Der bekannte Stroop-Test sollte darüber Auskunft geben: Die Worte „blau“, „rot“ usw. werden in verschiedenen (anderen) Schrift-Farben dargeboten. Die Probanden sollen die Farbe des jeweiligen Wortes benennen, dabei wird die Fehlerhäufigkeit bei der Benennung gemessen. Hierdurch können Schlüsse im Hinblick auf die sogenannte exekutive Kontrolle festgestellt werden. Im Ergebnis weist die Gruppe der Achtsamkeitspraktizierenden eine geringere Fehlerquote im Vergleich mit der Kontrollgruppe auf. Auch innerhalb der Gruppe der Achtsamkeitspraktizierenden gilt: Je höher die selbst berichtete Achtsamkeit ist, desto geringer ist die Fehlerhäufigkeit. So scheint also die Achtsamkeitsmeditation im Zusammenhang zu stehen mit einer verbesserten Kontrolle. Ein ursächlicher Zusammenhang kann jedoch aus verschiedenen Gründen nicht ohne Weiteres postuliert werden, so Dr. Malinowski.

Daher setzte seine Forschungsgruppe eine Längsschnittstudie auf, die den Einfluss einer möglichst einfach gehaltenen, regelmäßigen Atembetrachtungsübung auf die Aufmerksamkeit der Probanden erforschen sollte. Hierfür wurde eine Gruppe von 20 Teilnehmenden im Rahmen einer zweistündigen Einführung mit einer sehr einfach gehaltenen Atembetrachtung vertraut gemacht und dazu aufgefordert, pro Tag eine 10 bis 15minütige Meditationsübung mit dieser Atembetrachtung durchzuführen. Eine nicht übende Kontrollgruppe bestand aus ebenfalls 20 Personen.

Nach acht bzw. 16 Wochen wurden u.a. EEG-Messungen während des Stroop-Tests vorgenommen. Durch die EEG-Messungen kann der Verlauf der elektronischen Aktivität des Gehirns nach der Gabe eines Stimulus nachgewiesen werden. Festgestellt wurde, dass die Gruppe der Meditierenden nach acht Wochen eine höhere Aktivität der elektrischen Hirnströme aufweist, als die Kontrollgruppe. Dies weist wiederum darauf hin, dass die Meditierenden mehr neuronale Ressourcen auf die Lösung der Aufgabe verwenden können, als die Mitglieder der Kontrollgruppe.

Zum späteren Zeitpunkt hingegen – nach 16 Wochen – wiesen die Meditierenden eine niedrigere Amplitude der elektrischen Hirnströme auf, was so gedeutet werden kann, dass diese nach längerer Praxis weniger neuronale Ressourcen benötigen, um eine kognitive Aufgabe zu lösen.